Händler der Komplexität
Mario Zechner hat diese Woche einen Rant veröffentlicht, der in der Entwickler-Szene gerade die Runde macht. Zechner ist kein Randbeobachter: Er hat das Framework hinter OpenClaw gebaut, einem der meistgenutzten Open-Source-Projekte im Gaming-Bereich. Er kennt große Codebases.
Seine These: Agents machen uns nicht produktiver. Sie machen uns schneller. Das ist nicht dasselbe.
Ein Mensch, sagt Zechner, ist ein Engpass. Ein Mensch kann nicht 20.000 Zeilen Code an einem Nachmittag produzieren. Selbst wenn dieser Mensch ständig Fehler macht, gibt es eine natürliche Obergrenze, wie viel Schaden pro Tag möglich ist. Der Engpass begrenzt nicht nur den Output. Er begrenzt auch das Chaos.
Mit Agents fällt diese Bremse weg. Die kleinen, harmlosen Fehler, Zechner nennt sie "booboos", häufen sich schneller an, als ein Mensch sie erkennen kann. Und weil du dich aus dem Prozess herausgenommen hast, merkst du es erst, wenn die Codebasis bereits unbeherrschbar geworden ist.
Sein Satz dafür: "You let them run free, and they are merchants of complexity."
Simon Willison, eine der profiliertesten Stimmen in der AI-Engineering-Szene, stimmt zu. Allerdings mit einer Einschränkung. Willison glaubt nicht, dass die Lösung darin liegt, alles wieder von Hand zu schreiben. Aber er sagt: Wir brauchen eine neue Balance zwischen Geschwindigkeit und gedanklicher Gründlichkeit. Das Tippen war nie der Engpass beim Programmieren. Jetzt, wo das offensichtlich ist, müssen wir herausfinden, was der eigentliche Engpass war.
Ich finde das deshalb bemerkenswert, weil es über Software hinausgeht. Überall, wo AI die Produktion beschleunigt, stellt sich dieselbe Frage: War der Engpass das Problem, oder war er der Schutz?
Strategiepapiere, die in drei Stunden statt drei Wochen entstehen. Kampagnen, die in einem Sprint statt einem Quartal live gehen. Entscheidungsvorlagen, die schneller geschrieben werden, als jemand sie lesen kann. Die Geschwindigkeit steigt. Aber die Zeit zum Nachdenken bleibt gleich. Oder sie sinkt, weil der nächste Output schon fertig ist, bevor der letzte verdaut wurde.
Zechner empfiehlt: Setzt euch Limits, wie viel Code ihr pro Tag von Agents generieren lasst. Schreibt alles, was die Architektur definiert, von Hand. Gebt euch Zeit zu denken.
Das klingt offensichtlich. Es ist trotzdem das Gegenteil von dem, was gerade passiert.
Fragt euch selbst (oder fragt eure AI): Wo in eurem Unternehmen war die Langsamkeit der Produktion bisher ein unsichtbarer Qualitätsfilter – und was passiert, wenn dieser Filter wegfällt?